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Auf ein Maximum zentriert
13. Dezember 2025 By  Lutz Schramm With  0 Comment
In  Fotoalbum  /  Musik

Rosengarten im Club Hanseat, Salzwedel, 13.12.2025

Manchmal muss man alles wollen. Man bekommt es. Mit Geduld und Beharrlichkeit. Rosengarten ist ein gutes Beispiel dafür. Die ersten Anzeichen für die Aufarbeitung des Tonmaterials der 1986 im altmärkischen Salzwedel gegründeten Band, tauchten vor vier Jahren auf. Man kann sich vorstellen, dass die Wiederaufstellung einer Band die Live auftreten kann, nach knapp 40 Jahren keine einfache Sache war. Es gab geplante Konzerte, die abgesagt werden mussten. In diesem Jahr, 2025, sollte es dann aber klappen. Die ersten beiden Tapes und eine umfangreiche Box mit Raritäten aus der frühen Bandgeschichte sind inzwischen als LPs veröffentlicht. Ein erster größerer Gig in Leipzig hat bewiesen, dass die neu zusammengestellte Band gut 2 Stunden am Stück spielen kann. Berlin bekam eine kleine Kostprobe – und gestern, am 13.12.2025, fand der (bislang) ultimative Auftritt statt. Zu Hause, in Salzwedel, im Klub Hanseat, wo nicht alles begann, wo aber eben doch für die seinerzeit als entschieden zu exotisch für die beschauliche Kleinstadt erlebte Band, erste öffentliche Auftritte möglich waren. Auf die in den späten 80ern weitere folgten, in wechselnden Besetzungen, vor einer langsam wachsenden Fan-Gemeinde.

Das Konzert an diesem Samstag war deshalb für die Band in ihrer aktuellen Besetzung, für Fans von damals, die immer noch in der Gegend wohnen oder von näher und weiter für den Abend nach Salzwedel gekommen sind, für ehemalige Bandmitglieder, die an diesem Abend als Publikum dabei waren, für alte und neue Unterstützer, eine sehr spezielle Gelegenheit, sich der alten Kraft und des sich daraus ergebenden Gemeinschaftsgefühls zu versichern.

Als jemand der das Konzert in Leipzig erlebt hat, war für mich der Moment der Überraschung über die Dramaturgie, die Fülle an altem und neuem Material, die Frische und den Druck, mit denen die Performance auf der Bühne passierte, nicht ganz so groß. Hätte ich gedacht. Aber es hat mich wieder geflasht. Auch weil der Rahmen in Salzwedel, im Club Hanseat, anders war, als im UT-Connewitz. Abgesehen von dem schon beschriebenen Heimataspekt. Der Hanseat ist um einiges kleiner, als das UT, das Publikum ist auf drei Ebenen verteilt, die Bühne fast ebenerdig und gerade so breit, dass die sechs Musiker genug Platz finden. Für diesen Abend gab es eine spezielle Dramaturgie zur Integration der visuellen Elemente – ein leichter, fast durchsichtiger Vorhang wurde bei Bedarf von den Seiten der Bühne zugezogen. Darauf wurden Bilder, Schrift oder Videos projiziert. Die Schatten der Musiker, deren durchscheinende Gestalten und der durch den Vorhang in das Mikrofon oder durch einen Spalt in der Mitte singende Helge Semlow waren bemerkenswerte Performance-Effekte bei diesem Auftritt.

Das, was die Band und die sie unterstützenden Techniker an Sound von der Bühne bringen, ist Äonen von dem entfernt, was selbst bei gutwilligstem Remastering aus den alten Tapes zu hören ist. Ist ja logisch, könnte man sagen – nach 40 Jahren muss es ja besser klingen. Aber das allein ist es nicht. Rosengarten hat die alten Songs auf teilweise überraschende Art neu arrangiert. Das was technisch inzwischen besser klingt, wurde ergänzt um Elemente, die Ende der 80er, unter DDR Bedingungen sowieso, nicht verfügbar waren, auch wenn man es auf den Platten von Vorbildern oder in den eigenen Soundvorstellungen gehört hat.

Mein Lieblings-Element in dem Setup ist diese Wall-Of-Sound-Walze aus drei Gitarren (wenn auch Maik Bäcker zur 6-saitigen greift), die Wedding Present wie einen Trupp pubertierender Bolzplatz Kids klingen lässt. Oder „Komm“ zum Beispiel. Der Song ist in der Version der Parocktikum-Session vom Dezember 1987 eher so zaghaft, von einer verbitterten Traurigkeit. Heute kommt (!) das Stück auf einem fetten Groove, mit einer Kraft und Bestimmtheit, die mir Lust macht, mit zu kommen. Genau, wie jeder der Musiker an den Instrumenten Auftritts- und Lebenserfahrung in sein Spiel einbringt und damit alte wie neue Rosengarten-Songs frisch und modern klingen läßt, ist die Stimme von Helge Semlow wie neu. Man erkennt sie in den bekannten Songs, in manchen Passagen wirkt das wie ein Déjà-vu. Aber dann, ist seine Stimme so präsent und konkret, wie ein Nick Cave, der mit Rasierklingen gegurgelt hat. Wenn das nicht dunkel ist, was ist es dann? Im Vergleich zu den alten Aufnahmen wird hier am deutlichsten: Diese Rosengarten Besetzung ist seit den 1980ern nicht einfach älter geworden, sie ist gereift, ohne erwachsen oder gar langweilig zu sein. 

Was sagt das über Songs, die von den gleichen Personen, wie vor knapp 40 Jahren wieder und doch neu interpretiert werden können und dabei ihr Publikum „mitnehmen“? Sind das zeitlose Songs? Der heilige Graal der Popmusik? In jedem Fall hat die aktuelle Besetzung von Rosengarten bewiesen, dass sie 2025 aus dem Material von 1986 bis 1994 etwas Zeitgemäßes entwickeln kann.

Es gibt auch neue Songs, die sich organisch in das Liveset fügen. Helge hat in seinen Ansagen darauf hingewiesen, dass eine Veröffentlichung geplant ist. Ich fände es super, wenn ein paar der alten Stücke in den neuen Versionen auch als Aufnahmen existieren würden. Aber vielleicht wäre es auch konsequent, diese Versionen exklusiv live zu präsentieren. Zumal die Performance insgesamt, aber eben vor allem auch die von Helge Semlow als zentralem Ankerpunkt in wechselnden Hüllen, einen entscheidenden Teil der Faszination dieser Band ausmacht.

Als Support Act war Pauline solo mit akustischer Gitarre zu erleben. Die Tochter von Rosengarten Keyboarder Steffen Bauer präsentierte eigene Stücke, in denen auf einer sehr subtile Weise der Spirit von Rosengarten ins Jetzt scheint. Auch durch die Coverversionen von den Breeders und Joy Division.

Rosengarten auf Bandcamp: rosengarten.bandcamp.com

Rosengarten beim Majorlabel: majorlabel.shop und bei Rundling: www.rundling.net

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